Natürlich geht es im Wesentlichen darum, eine professionelle Distanz zu wahren. Das ist allerdings nur ein Teil dessen, worum es mir dabei wirklich geht. Nur wer sich abgrenzen kann, ist in der Lage, anderen den Raum zu halten, damit Lösungen entstehen können, die Dir als Individuum wirklich nutzen.
Wir glauben oft, wir können unsere Herausforderungen nur mit jemandem besprechen, der uns familiär oder freundschaftlich verbunden ist. Und natürlich kann das in manchen Situationen bereits sehr hilfreich sein. Doch die Krux an der Sache ist, dass wir, wenn wir mit einem uns nahestehenden Menschen sprechen, unterbewusst gefallen wollen. Das kann uns daran hindern, einen eigenen Lösungsweg zu finden.
Wir sind dankbar für die Hilfestellung des anderen und wollen unser Gegenüber nicht enttäuschen. Wie oft kam schon nach einer schwierigen Situation der Satz: „Warum hast Du es denn nicht so gemacht, wie ich es Dir gesagt habe?!“ Und genau diese Sätze lassen uns im Nachgang zweimal überlegen, wieder einen Rat einzuholen.
Oder Du hast es genauso gemacht, wie die andere Person es vorgeschlagen hat, und das Ergebnis war ein völlig anderes und hat deine Situation noch verschlechtert. Die Lösung des anderen passt für uns selbst eben einfach nicht, doch wir wollen die Gefühle des anderen auch nicht verletzen. Also sagen wir, es ist „alles gut“ (geworden), obwohl wir in den meisten Fällen ganz weit weg davon sind.
Dazu kommt noch ein anderer Faktor. Freunden und Familie fällt es oft schwerer, uns die Wahrheit zu sagen. Sie lieben uns und wollen unser Bestes und doch verschweigen sie genau aus diesem Grund möglicherweise unbequeme Tatsachen, weil sie annehmen, dass diese uns schaden oder verletzen könnten.
Womit wir uns im totalen Dilemma befinden. Sie sagen uns zum einen nicht, was Sache ist, und verhalten sich womöglich plötzlich anders. Und dann wollen sie uns auch noch, wenn wir sie um Hilfe bitten, ihren eigenen Lösungsweg aufdrücken. Das ist natürlich überspitzt. Freunde und Familie sind unschätzbar wertvoll und so wichtig für unser natürliches Bindungsbedürfnis.
Doch um herauszufinden, was Du selbst willst, sind sie eher Vergleichsfläche, die Dich womöglich noch mehr verunsichert. Bestimmt fast jeder kennt das Sprichwort „Viele Köche verderben den Brei.“ Viele unterschiedliche Meinungen machen die Auswahl zwar größer, doch können sie einen auch maximal verwirren.
EIN BLICK VON AUSSEN MACHT DEN PERSPEKTIVWECHSEL MÖGLICH
Manchmal ist daher ein objektiver Blick auf eine Situation bereichernder als die Lösungsidee einer nahestehenden Person. Dieser Rat, so gut gemeint er auch ist, spiegelt nur den eigenen Bezugs- und Handlungsrahmen der anderen Person wider. Um die eigene Lösung zu finden, braucht es jedoch eine neue, eigene Perspektive, die oft erst erkannt wird, wenn wir einen Schritt zurücktreten und den eigenen Rahmen unserer Möglichkeiten neu abstecken.
Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass es oft sogar einfacher ist, mit jemandem völlig Fremden über Dinge zu sprechen, die einen wirklich belasten. Dort ist die Chance, die andere Person zu enttäuschen, wenn ich es so mache, wie ich es will, gleich Null. Der Fokus bleibt bei mir. Und ehrlich, die Probleme und Herausforderungen sind ja auch meine und bleiben es, egal mit wie vielen Freunden und Familienmitgliedern ich darüber spreche. Nur ich weiß wirklich, was mir wichtig ist und mein Lösungsweg sein kann, weil ich die Person bin, die mit der Konsequenz ihrer Entscheidung, also dem Ergebnis daraus, leben muss. Genau hier beginnen Eigenverantwortung, Selbstführung und Selbstwirksamkeit.
Wenn ich also mit einer unbeteiligten Person spreche, ist da niemand, der mich verurteilt, wenn etwas anders ausgegangen ist, als ich es geplant habe. Im besten Fall verurteile ich mich selbst auch nicht, weil ich es als Erfahrung verbuchen und einen neuen Versuch starten kann.
Und genau deshalb bin ich nicht deine Freundin. Ich sehe deine Herausforderungen und benenne Tatsachen. Ich stelle Dir Fragen, damit Du Dir selbst auf den Grund gehen kannst. Was Du daraus machst, liegt bei Dir.
Ich verurteile weder deine Erlebnisse noch deine Entscheidungen. Sie sind alle deine.
Und wenn Du es anders machen möchtest als bisher, halte ich Dir die Fackel auf dem Weg, während Du gehst, neue Verhaltensweisen entdeckst und einen neuen Handlungsrahmen absteckst.